Jannis Ritsos








Mikis Theodorakis
















































































Jannis Ritsos









































Königin Friederike von Griechenland









König Paul von Griechenland











M A K R O N I S O S


Nach vorne geht kein Weg.
Könntest du wenigstens
zurück
erwartete dich vielleicht
im alten Garten
ein Spatz

Ratten - Ziegen - Wind

Verdächtig wenige Informationen existieren über die ägäische Insel, die westlichste der Kykladen - Wikipedia kennt die Zeit 1967 - 1974 erst seit neuestem.
Obwohl täglich Hunderte Segler und Tausende Touristen von Kap Sounion oder Lavrion hinüberschauen, gibt es nur vage Gerüchte ...
Die Militärs leisten bei der Vernichtung der Geäude ganze Arbeit.



Nur mehr in der Erinnerung der Opfer, ihrer Angehörigen und - absurd - in Poesie ist die Hölle auf Markonisos, den "Teich von Siloah" wach.
Zwei wichtige Abschnitte des 20. Jahrhunderts, 1946 bis 1950 und 1967 bis 1974: Verbannungsort, KZ Makronisos.

Mitte der 60er Jahre wird Griechenland durch parteipolitische Rivalitäten, Intrigen des Königshofs, Korruption und Wahlbetrügereien unregierbar. Eine Clique nationalistischer Offiziere macht sich das Chaos zunutze. Als sich 1967 ein Wahlsieg demokratischer und linker Parteien in Griechenland abzeichnet, schlägt das Militär zu. Am 21. April, eine Woche vor dem Wahltermin, ergreift eine Gruppe von Offizieren mit Oberst Papadopoulos an der Spitze die Macht.

Vereidigung der Putschisten

In wenigen Stunden bringen die Putschisten das ganze Land unter ihre Kontrolle, König Konstantin II. unterzeichnet die Ernennungsurkunden der Militärregierung noch am selben Tag. Eine beispiellose Verhaftungs- und "Säuberungs"-Welle folgt. Bereits wenige Tage nach dem Putsch sitzen 6000 politische Häftlinge ein. Unzählige Kommunisten und Demokraten, echte und vermeintliche Widerstandkämpfer treibt der Diktator während der sieben Jahre dauernden Herrschaft ins Exil, oder lässt sie in den berüchtigten Kerkern der Militärpolizei foltern oder den bekannten Verbannungsinseln internieren.

Eine kleine, schwarz gekleidete Frau sitzt auf einem Brett zwischen Unkraut in einem Schotterhaufen in Lavrion.
6 lange Jahre, erzählt die Frau, ist sie mit ihrem Sohn jeden Samstag hierher gefahren, um hinüberzuschauen auf die massige Insel, die sich auf der ganzen Breite des Horizonts von Nord nach Süd ausbreitet hinter Steno Makronisou, der Meerenge, auf der Segelyachten unschuldig kreuzen: Makronisos ist endgültig Geschichte ...



Weit unten im Süden ist die Insel zu Ende, die Nordspitze nur undeutlich zu erkennen. Felsig wasserloser Platz, glühend heiß im Sommer, im Winter umso kälter, sturmumtost. Makronisos, so steht im Hafenhandbuch, ist eine öde unbewohnte Insel, außer ein paar Ziegen gibt es nichts, die Fahrensleute kolportieren, das Anlegen tunlichst zu vermeiden, aggressive Ratten bevölkerten die Inseln, kämen ohne Zögern an Bord.
Jannis Ritsos, der Dichter, erzählt die Frau, habe oft bemalte Steine zu seinen Gedichten gelegt, er sitzt mit ihrem Mann dort im KZ, beide sterben im gleichen Jahr, 1990.
Als Kommunist kämpft er gegen die Deutschen, ist bis Anfang der fünfziger Jahre erstmals gefangen auf Makronisos, die Militärs foltern ihn.
Wir, sagt mir Frau K. zum Abschied, wir kämpfen für ein Griechenland im geeinten Europa, aber ohne EU, ohne imperialistische Kräfte des Großkapitals. Die sollen in den Hades fahren. Und lies du mal Ritsos' Epitaphios!
Ehemalige Häftlinge, Verwandte und Freunde, treffen sich einmal im Jahr. Die Fähre bringt sie zur Insel. Steine und Geröll, zerstörte Kasernen.

Diese Landschaft ist hart wie das Schweigen.
Sie presst die Zähne zusammen
Es gibt kein Wasser, nur Licht.
Der Weg verliert sich im Licht,
und der Schatten der Mauer ist wie aus Eisen


Mikis Theodorakis

Mikis, jeder kennt ihn, gibt dort ein Konzert. Hellas kennt ihn als Widerstandkämpfer, die Welt als Komponist der Filmmusik zu "Alexis Zorbas". Mit 18 erstmals gefoltert, als er sich nach dem Abzug der Deutschen gegen die neuen Besatzer, die Engländer, wehrt, kommt auch er nach Makronisos, Folterknechte brechen ihm beide Beine. 1949 muss er, nach kurzer Genesungspause in einem Militärhospital, zurück auf die Insel.

Als wir uns der Mole näherten,
sah ich den Schatten der Insel. Bedrohlich.
Makronisos
Wie eine satte Schlange,
die sich ins Meer gelegt hatte,
um die Opfer des Tages zu verdauen.


Mikis' Vater auf Kreta gibt seinen Besitz her für die Heilung der Glieder. Der Komponist klassischer Musik wird wieder politisch und Leitfigur der griechischen Erneuerung, Parlamentsabgeordneter, 1967 nach dem Putsch der faschistische Obristen, muss Mikis wieder abtauchen. Als ein Polizist Königin Friederike, der Deutschen, in der Nacht des 21. August seine Verhaftung meldet, soll sie "Endlich!" gesagt haben.

Theodorakis mit Familie

Künstler in aller Welt solidarisieren sich, wollen wissen, was passiert ist. Außer Gerüchten nichts. Bis zum 4. September in absoluter Isolation, Vasilis Lambrou, Folterspezialist, befragt ihn, verlegt ihn in eine Zelle genau unter die Terrasse, wo man Schreie Gefolterter hört, das Brüllen komme aus der Rauschgiftabteilung, sagt Lambrou. Es handelt sich um Süchtige, die wir schlagen müssen, weil sie sonst nicht sagen, wo sie das Heroin und das übrige Zeug versteckt haben. Schließlich müssen wir die Gesellschaft schützen. Und er schreibt die Schläge auf Tag für Tag, erinnert sich an die Zeit auf Makronisos, wo er auf dem Bett lag, an das Foltern:

Film Z

Was reden wir uns und auch den anderen für Lügen ein! Seelisches Leiden! Moralisches Leiden! Geistiges Leiden! Das sind bloß Wörter. In Wirklichkeit gibt es nichts Schlimmeres, nichts Peinvolleres, nichts Realeres als den ganz gewöhnlichen körperlichen Schmerz.
Er schreibt die Musik für den Film "Z". 1970 Verbannung, Paris, er bereist die Welt mit seiner Musik, setzt sich ein für Demokratie in der Heimat, ist Symbolfigur für den Widerstand gegen jede Diktatur. 1974 als Volksheld gefeiert. Wird Minister nach der korrupten Papandreou-Zeit.



Viele Konzertbesucher im Armeetheater sind ehemalige Häftlinge, zeigen ihren Verwandten diesen Ort. Eine Frau setzt sich auf einen Felsen:
"Mein Vater war ein Jahr hier, er wurde gefoltert; später erschossen. Ich traue mich nicht, den Boden zu betreten, sonst trete ich auf seine Tränen."



Der Weg ist steinig, Schwefel, um Schlangen fernzuhalten. Macchia überwuchert das Land.
Nikos erzählt, er habe als Kind Briefe vom Vater vorgelesen bekommen, in denen stand: Es geht mir gut. Nach seiner Rückkehr von Makronisos weint der Vater im Schlaf, jahrelang. Nikos sagt: Ich wollte mit meinem Vater diesen Ort besuchen, der ihn niemals losgelassen hat.

Den Ertrunkenen haben sie am Kai hingelegt.
Ein schöner junger Mann, nackt.
An seiner linken Hand
ging die Uhr noch immer.

1946 bis 1950:
Die Internierten leben bei extremer Hitze oder Kälte in Zelten, erleiden Hunger und Durst, Einzelhaft, Drohungen und Gehirnwäsche. Wenn ihr Geist gebrochen ist, können sie eine Erklärung ab- und ihr Fehlverhalten zugeben und um Vergebung bitten. Sie werden dann an die Front geschickt, um gegen ihre Kameraden kämpfen. Die, die sich weigern, werden vor Gericht gestellt, durch Erschießungskommandos hingerichtet oder ins Militärgefängnis gebracht.
Im nördlichen Teil, beim D-Bataillon leben 500-Mann-Gruppen, 14 in einem Zelt, von den anderen getrennt durch einen 15 m hohen Stacheldrahtzaun.
Noch schlimmer die Bataillone A B C:
Sie misshandeln die Internierten mit Schlägern, Eisenstangen und Bambusrohren: Knochenbrüche, Wirbelsäulverletzungen, Erblindungungen, psychologische Traumata und Tod sind an der Tagesordnung. Das Militär betreibt mit Folter, Erpressung, Vergewaltigung und Schikanen die Umerziehung der Kommunisten.

Junta-Mitglieder Phaedon Gizikis, George Papadopoulos, Dimitrios Ioannides

Jannis Ritsos, der Dichter von Epitaphios ist mit zahlreichen anderen Menschen in Lager D, dem zivilen Lager, das die Polizei betreibt. Die Obristen-Junta will die Internierten, zwingen, den Kommunismus zu leugnen, um ein "guter" Grieche zu sein. Sie wirft Ritsos und den anderen Gefangenen vor, unverbesserliche Kommunisten, nicht Menschen, sondern laut Innenminister Patakos, Bestien zu sein.

A. –
Ach ja, wir sprachen einmal von einer Ägäis-
Poesie
B. –
von der nackten Brust der Nixe, auf die ein
Anker gestickt war
C. –
vom Licht des Meeres, das Gardinen für die
Möwen häkelt
A.B.C.
300 Ermordete.
Ja, wir sprachen von einer Ägäis-Poesie
– der Krebs träumt auf nassen Felsen
im Sonnenuntergang
wie eine kleine Bronzestatue im Ozean.
A.B.C.
300 Ermordete
A.B.C.
600 wurden irrsinnig.
A.B.C.
900 Hinkende
Es lebe
König Paul
Und die Madonna des Meeres glänzt noch im
Zwielicht
spaziert barfuß auf dem Sandstrand
sie ordnet die Nester der kleinen Fische
und steckt ihre Mondflechten mit einem See-
stern fest.
A.B.C.
A.B.C. Wir sprachen von einer Ägäis-Poesie, ja, ja,
MAKRONISSOS
MAKRONISSOS – MAKRONISSOS


Zehn Jahre danach werden in Flaschen versteckte Briefe, Gedichte, Protokolle, Grüsse in der Erde gefunden.
Jannis Ritsos verhaften sie am 21. April 1967, dem Tag des griechischen Militärputsches, die Regierung eines NATO-Staates kerkert ihn anderthalb Jahre lang ohne Gerichtsverhandlung oder Urteil unter skandalösen Bedingungen in einem Konzentrationslager ein.
Zwischen 1947 und 1950 sind mehr als 80.000 Griechen auf Makronisos in Umerziehungslagern interniert, unter den Gefangenen zahlreiche Schriftsteller und Dichter, Ritsos schon einmal dabei. Die Aufseher beschallen mit riesigen Lautsprechern die Internierten permanent.
Die Dichter von Makronisos lassen in ihren Texten die Stimme des Widerstands ertönen, Worte von vitaler Kraft. Ihre poetischen Texte erzählen vom Leben der politischen Gefangenen auf der Insel, erzählen vom Terror und vom Überleben in diesem barbarischen Laboratorium, in dem die Führung an der geistigen Umprogrammierung der kommunistischen Widerstandskämpfer arbeitet. Sie lassen uns die ganzen Schrecknisse nochmals nachempfinden, die allgegenwärtige Angst, das endlose Warten, den quälenden Durst, den erschöpfenden Frondienst, das ewige Steineschleppen. Sie erzählen von den Nächten, in denen die Schreie der Gefolterten durchs Lager hallen.



Die Menschen, die Griechenland von den Deutschen befreien wollten - überwiegend Kommunisten, werden von Griechenland, gefoltert, wegen ihrer politischen Überzeugungen getötet, die Männer, die hier leben und sterben, sind die ersten Opfer des Kalten Krieges. 1946 erlässt die Regierung von Ministerpräsident Sofoulis, die Richtlinie, Kommunisten zur Umerziehung auf die Insel Makronisos zu bringen.



Die Insel Makronisos, gut 12 km lang und 2,5 km breit, die heute zur Gemeinde Kea gehört, ist menschenleer, im Alterum ist sie Ort der Liebe für Helena und Paris, nach der Auflösung des Lagers vom Militär weitgehend zerstört. Versuche in den 80er-Jahren, die Vergangenheit, etwa in Form eines Museum aufzuarbeiten, scheitern am Geld. Der Plan der Regierung, die Insel an deutsche Investoren zur Nutzung für Windkrafträder zu geben, scheitert am Widerstand der Bevölkerung.

Ein informativer Filmbericht zu Ritos' Epitaphios mit der Musik von Theodorakis:




Die Gedichte stammen alle von Ritsos.






home




© Christian Wirth 2015